Hintergrundinformation
Das Konzil der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat auf seiner Sitzung am 10. Oktober 2008 in Jena einstimmig beschlossen, in der Woche vom 11.–15. Oktober 2010 ihren Jubiläumskongress in Frankfurt am Main zu veranstalten. Frankfurt wird damit zum fünften Mal Austragungsort dieses Fachkongresses der deutschen Soziologie.
Im Oktober 1910 fand in Frankfurt am Main in der dortigen Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften der erste Kongress der am 3. Januar 1909 in Berlin gegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie statt. Unter den Rednern und Diskutanten befanden sich unter anderem Georg Simmel, Ferdinand Tönnies, Max Weber, Werner Sombart, Hermann Kantorowicz und Robert Michels. Als eine Besonderheit kann ferner gelten, dass mit der Frankfurter SPD-Kommunalpolitikerin, Publizistin und Frauenrechtlerin Henriette Fürth, die ebenfalls an diesem Gründungskongress teilnahm, erstmals auch eine Frau an den Bemühungen um eine akademische Institutionalisierung der soziologischen Forschung und Lehre im deutschen Sprachraum aktiv beteiligt war, die später ebenfalls Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wurde. Gegenstand dieses ersten Soziologiekongresses waren unter anderem die methodologischen Grundlagen der Soziologie sowie ihre Beziehung zu benachbarten akademischen Disziplinen.
Dass damals Frankfurt als Austragungsort dieses Kongresses zum Zuge kam, lag nicht nur daran, dass die Berliner Universität als der ursprünglich ins Auge gefasste Veranstaltungsort den Organisatoren dieses Gründungskongresses keine attraktiven Rahmenbedingungen anbot, sondern auch daran, dass in Frankfurt im Unterschied zu vergleichbaren anderen deutschen Städten und Universitäten bereits zu diesem Zeitpunkt eine ausgeprägte sozial- wissenschaftliche Infrastruktur bestand. Hinzu kommt, dass sich zahlreiche Vertreter der 1901 in Frankfurt gegründeten Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften eingesetzt hatten, diesen Kongress in der Mainmetropole abzuhalten, der in der Aula des alten Jügel-Hauses, dem späteren Auditorium Maximum der Universität Frankfurt an der Bockenheimer Warte, stattfand. In der Folgezeit konnten die Goethe-Universität und die Stadt Frankfurt immer wieder ihre Stellung als einer der bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Standorte im deutschen Sprachraum behaupten.
Die Wahl Frankfurts als Austragungsort des im Herbst 2010 stattfindenden Jubiläums- kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hat ferner seinen besonderen Reiz darin, dass Frankfurt nicht nur in soziologiegeschichtlicher Hinsicht ein besonderer Stellwert zukommt, sondern auch darin, dass sich in dieser in vielerlei Hinsicht einzigartigen „Global City“ Deutschlands die Strukturprobleme der modernen Wirtschaft und Gesellschaft wie in einem Brennglas bündeln. Als ehemalige freie deutsche Reichs- und Messestadt sowie Austragungsort der Wahl der deutschen Kaiser konnte Frankfurt über die Wirren der Zeitläufe hinweg bis heute seinen Stellenwert als Metropole behaupten, in der das liberale, bis 1933 stark jüdisch geprägte Bürgertum eine besondere mäzenatische Rolle spielte, die unter anderem auch in der Gründung der Universität Frankfurt zum Ausdruck kommt. Heute gilt Frankfurt unbestritten als die am meisten „amerikanisierte“ Stadt Deutschlands und als bedeutender Verkehrsknotenpunkt sowie Finanzzentrum mit internationaler Ausstrahlungskraft. Frankfurt ist ferner eine Stadt, die durch eine ethnisch heterogene Bevölkerungsstruktur gekennzeichnet ist und in der sich ihre bürgerlich-mäzenatische Tradition in einer Vielzahl von privaten Stiftungen, bürgerschaftlichen Initiativen und Vereinen äußert, die bis heute nachhaltig zur politischen und kulturellen Vitalität dieser Stadt beitragen.
Frankfurt ist also in vielerlei Hinsicht als Veranstaltungsort für den Jubiläumskongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie prädestiniert. 1919 wurde an der Goethe-Universität der von dem Frankfurter Konsul Karl Kotzenberg gestiftete erste deutsche Lehrstuhl für Soziologie eingerichtet, den der liberale Sozialist und Vordenker des „Rheinischen Kapitalismus“ Franz Oppenheimer bis 1929 wahrnahm und dem kein Geringerer als der bereits damals berühmte Soziologe ungarischer Herkunft Karl Mannheim folgte. In der zweiten Hälfte der Weimarer Republik entstand – nicht zuletzt durch den besonderen Status, den die Universität Frankfurt seit ihrer Gründung im Jahr 1914 genoss – eine einzigartige Fachkultur, die in lebhaften intellektuellen Debatten und in später berühmt gewordenen gemeinsamen Lehrveranstaltungen von herausragenden Dozenten der Geistes- und Sozialwissenschaften ihren Höhepunkt fand und die 1933 als Folge der nationalsozialistischen Machtergreifung gewaltsam beendet wurde. Mit Max Horkheimer, der nach dem Ausscheiden des Austro-Marxisten Carl Grünberg die Leitung des 1924 gegründeten und sich einer bürgerlichen Stiftung verdankenden Instituts für Sozialforschung übernahm und der an der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt einen sozialphilosophischen Stiftungslehrstuhl innehatte, sowie dem von der Universität Heidelberg kommenden Karl Mannheim wirkten zu dieser Zeit zwei Protagonisten der modernen Sozialwissenschaften von internationalem Format in Frankfurt. Es sei noch hinzugefügt, dass von 1930-1933 auch Norbert Elias als Assistent von Karl Mannheim an der Universität Frankfurt in Forschung und Lehre wirkte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Mainmetropole erneut eine wichtige Rolle bei der Institutionalisierung und disziplinären Selbstreflexion der soziologischen Forschung und Lehre. So war es wiederum der Wissenschaftsstandort Frankfurt, an dem 1946 der erste Soziologiekongress im Nachkriegsdeutschland stattfand und an dem in den 60er Jahren ähnlich wie vor 1933 eine besondere Konstellation von miteinander, zum Teil aber auch gegeneinander wirkenden Soziologen bestand. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten Max Horkheimer und das sich während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft im amerikanischen Exil befindliche Institut für Sozialforschung an die Goethe-Universität zurückgeholt werden. Mit dabei war der 1938 zum Institut gestoßene Frankfurter Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno, der die intellektuellen Debatten in den 60er Jahren entscheidend mitgeprägt hat. Aufgrund der von der Stadt Frankfurt und dem Bundesland Hessen unterstützten herausragenden Stellung des Instituts für Sozialforschung übernahm die Goethe-Universität zu dieser Zeit die Funktion eines bedeutenden sozialwissenschaftlichen Knotenpunktes, der zahlreichen bundesrepublikanischen Soziologen wie Ludwig von Friedeburg, Jürgen Habermas, Friedrich H. Tenbruck und Wolfgang Zapf ihre beeindruckende Karriere ermöglichte. Der 1971 im Gefolge der Hessischen Hochschulreform gegründete Frankfurter Fachbereich Gesellschaftswissenschaften versuchte in der Folgezeit die Eigenart der Frankfurter Tradition der Sozialwissenschaften zu bewahren. Auch heute noch verfügt die Stadt Frankfurt neben diesem universitären Umfeld über eine Reihe weiterer Forschungs- und Bildungseinrichtungen, die den herausragenden Stellenwert der Mainmetropole als Zentrum der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre nachhaltig unterstreichen.
Der Frankfurter Soziologiekongress von 1968 stand unter dem Motto „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“ und löste eine Kontroverse aus, welche die fachinternen Debatten in der „alten“ BRD nachhaltig beherrscht hatte. Anlässlich des Falls der Berliner Mauer und des hiermit in Gang gesetzten deutschen Einigungsprozesses stand der nächste Frankfurter Soziologiekongress von 1990 vor der Frage, wie die in der DDR unter marxistisch-leninistischen Vorzeichen geführte soziologischen Forschung und Lehre mit ihren diversen Institutionen bzw. deren Repräsentanten in das westdeutsche Modell integriert werden konnten. Mit dem damals gewählten Rahmenthema „Die Modernisierung der modernen Gesellschaft“ war der Weg für eine Integration der ostdeutschen Soziologinnen und Soziologen freigegeben. Es handelt sich hierbei um einen Prozess, der inzwischen als abgeschlossen betrachtet werden kann.
Mit der Herausforderung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat durch die gegenwärtige internationale Finanz- und Wirtschaftskrise bieten sich für den Jubiläumskongress eine Vielzahl von Bezügen an, um die Kompetenz der Soziologie bei der theoretischen und empirischen Bewältigung dieser historisch wohl einmaligen Lage unter Beweis zu stellen. Dies beinhaltet auch einen kritischen Rekurs auf die eigene Fachgeschichte. Denn die Soziologie hat sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder mit krisenhaften Erscheinungen der Gegenwartsgesellschaft auseinandergesetzt. Als „Krisenwissenschaft“ par excellence ist sie seit ihren Ursprüngen mit der Fragilität ihres Untersuchungsgegenstandes – nämlich der modernen Gesellschaft – untrennbar verbunden. Ihre eigene Fachgeschichte bietet insofern selbst ein reiches Anschauungsmaterial für die theoretische und empirische Analyse von gesellschaftlichen Extremzuständen.
Allerdings sollte daraus nicht vorschnell die Schlussfolgerung gezogen werden, dass bereits heute so etwas wie eine „Bilanz der Soziologie“ vorgenommen werden kann. Angesichts der Sachlage sollte man vielmehr von dem Max Weberschen Bonmot ausgehen, dass sich die „historischen Kulturwissenschaften“, zu denen er später auch seine eigene verstehende Soziologie zählte, immer wieder dem Wandel der „großen Kulturprobleme“ zu stellen haben, was ihnen zugleich eine „ewige Jugendlichkeit“ garantiert. Insofern ist die seit ihren Anfängen im frühen 19. Jahrhundert immer wieder beschworene „Krise“ der Soziologie nicht nur Ausdruck der auf Dauer gestellten Frage nach ihrer eigenen gesellschaftlichen Standortbestimmung und Mission, sondern die natürliche Konsequenz einer sich mit den geschichtlichen Veränderungen ihres Untersuchungsgegenstandes immer wieder neu erfindenden akademischen Disziplin. Die fachgeschichtliche Selbstreflexion der Soziologie ist somit selbst unverzichtbarer Bestandteil einer soziologischen Zeitdiagnose, die sowohl die jeweiligen gesellschaftlichen Veränderungen als auch die diesbezüglichen sozialwissenschaftlichen Befunde zum Gegenstand hat.















